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Claudia Steinitz: Auf der Suche nach der Stimme

Die Neuübersetzung von „L‘astragale“ von Albertine Sarrazin

Oft bitte ich „meine“ Autoren – zeitgenössische Schriftsteller aus Frankreich und der Schweiz –, mir ein paar Seiten ihres Romans vorzulesen, den ich übersetzen werde. Das sei, so erkläre ich ihnen, geradezu unabdingbar, um die Stimme, den Ton zu hören, nicht nur hinter dem geschriebenen Satz zu ahnen. Wenn sich die Gelegenheit bietet, kommen sie diesem Wunsch gern nach und diese Stimme im Ohr hilft mir sehr bei der Suche nach den richtigen Worten, um den Klang nachzubilden.

Und nun Albertine Sarrazin. Bis zum Frühjahr dieses Jahres kannte ich nicht einmal ihren Namen. „L‘Astragale“. Eine Neuübersetzung, die dritte schon, der 1967 dreißigjährig verstorbenen Autorin. Argot, Gefängnisjargon wird mir angekündigt, die Frage der Modernisierung gestellt, noch bevor ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe.

Ich lese den Roman und bin gefangen von einer einzigartigen Mischung aus Poesie und Härte, Argot und Hochsprache, Atemlosigkeit und unerträglich sich dehnender Zeit. Biografien über Albertine Sarrazin stapeln sich auf meinem Schreibtisch und mir wird bald bewusst, wie wenig fiktiv dieser Roman ist, vielmehr verdichtete, gestaltete Autobiographie. Die unglaubliche Geschichte der Flucht aus dem Gefängnis und der zufälligen Begegnung – auf der Landstraße, keine hundert Meter vom Gefängnis entfernt, mit gebrochenem Knöchel – mit einem Kriminellen, der Albertine Sarrazin retten und die große Liebe ihres kurzen Lebens werden sollte, bedarf keiner zusätzlichen Dramatisierung. Und auch der uneigennützige Wohltäter, der im Roman die Heldin bei sich aufnimmt und in der Wirklichkeit dem Paar ein Dach über dem Kopf schenkte, ist nicht erfunden. Bald ertappe ich mich dabei, dass in meiner Vorstellung Realität und Fiktion verschmelzen, ich im Roman nach Szenen suche, die ich in einem Buch über die Autorin gelesen habe

Mein Entschluss ist schnell getroffen: Ich werde die früheren Übersetzungen nicht lesen, bevor ich die Rohübersetzung abgeschlossen habe, die – jede Übersetzerin hat ihre eigene Strategie – schon nicht mehr roh ist, sondern weitgehend die endgültige Form hat. Die Angst, mich von den Ideen, dem Konzept dieser Übersetzungen beeinflussen zu lassen, ist zu groß. Als ich schließlich darin lese ... doch davon später.

Eine mögliche, eventuell nötige Modernisierung des Textes gerät mir rasch aus dem Blickfeld. Der Originaltext ist so frisch, so gegenwärtig, dass ich mich ihm unbesorgt anvertrauen kann. Umso mehr springen mich einzelne Begriffe an, wie etwa „morlingue“, ein Argotbegriff aus dem 19. Jahrhundert, der auch in der Übersetzung als „Geldkatze“ seine Besonderheit bewahren wird. Wahrhaftig, Anne (so heißt die Romanheldin), kann ihre Gastgeberin nicht zum Markt begleiten, um zu sehen, wie teuer alles geworden ist: „Unmöglich, ich würde ganz sicher mit vier Geldkatzen zurückkommen, statt mit einer.“

Bleiben wir beim Argot. Hier kann ich vor allem aus zwei Quellen schöpfen. Zunächst entdecke ich eine Doktorarbeit aus dem Jahr 1973, „Le Vocabulaire argotique dans l'oeuvre d'Albertine Sarrazin“, vorgelegt von Wendy Patricia Hearder, McMASTER UNIVERSITY, Hamilton, Ontario, in der viele mir unbekannte Begriffe erklärt sind. Eine Überraschung erlebe ich bei Bob, dem dictionnaire fam. pop. arg., einem hervorragenden Online-Argot-Wörterbuch. Zwar finde ich darin viele der gesuchten Begriffe, aber die Belegstellen, mit denen sie erklärt werden, stammen oft aus „Astragale“, sind just die Sätze, die ich gerade übersetze.

Beinahe unendlich sind die Synonyme, die im Roman für Geld und Gefängnis auftauchen, zwei Schwerpunkte im Universum der Heldin. Aber die Synonyme sind keine Synonyme, und so muss ich jedes Mal abwägen, welche Nuance, welche Sprechhaltung, welche Bewertung mitschwingt. Grundsätzlich schwer macht es uns das Französische mit den „Flics“, einer umgangssprachlichen Bezeichnung für Polizisten, die viel weniger abwertend ist als unsere „Bullen“. In Astragal gibt es auch dafür zahlreiche Begriffe, aber da lassen sich auch die Deutschen einiges einfallen. Davon, den „panier à salade“ als „Bullenschleuder“ zu übersetzen, halten mich dann doch die Jahrzehnte ab, die zwischen der Verwendung dieser Begriffe liegen. Und ist die „Grüne Minna“ in Frankreich grün?

Abends lese ich die Briefe von Albertine Sarrazin an ihren Geliebten und späteren Ehemann Julien, von denen im Roman oft die Rede ist, ohne dass sie je zitiert werden. Darin bricht die Schreiberin mit allen Sprachkonventionen und Regeln der Orthographie und Grammatik, mischt englische und spanische Begriffe in das Französische. Diese Briefe haben mir gleichsam erlaubt, auch im Roman hier und da Anglizismen zu verwenden, die ich bei Übersetzungen aus dem Französischen gewöhnlich scheue wie der Teufel das Weihwasser, Anne beispielsweise ihren „dreckigen Job“ machen zu lassen.

Und der Blick in die früheren Übersetzungen? Er versetzte mich, als ich ihn schließlich wagte, für ein paar Stunden in Panik, weil kein Wort, kein Satz, keine Redewendung – in sich stimmig und überzeugend – in meine Übersetzung passen wollte. Mit der radikalen Lösung (des Entzugs der Bücher durch meinen wohlmeinenden Mann) ging die Einsicht einher, dass wir – meine Vorgängerinnen und ich – mit ganz unterschiedlichen Konzepten an die Arbeit gegangen waren und den Text offenbar auch sehr verschieden wahrgenommen hatten. Für mich ist es ein sehr literarischer, durchkomponierter, dichter Text, in dem die Argot-Begriffe Situationen und Personen charakterisieren, ohne sie je zu dominieren.

Natürlich habe ich die Stimme von Albertine Sarrazin auch im Internet gesucht – vergeblich. Ich weiß nicht, ob ich sie gefunden habe, so, wie sie vor fünfzig Jahren klang, ob sie tatsächlich mal laut und frech die Wörter hervorsprudeln ließ, mal still und nachdenklich, verzweifelt oder voller Poesie die Sätze aneinanderreihte. Ich habe versucht, den Klang wiederzugeben, den ich bei der Lektüre des Romans vernommen habe, der aber auch durch das Bild geprägt ist, das ich durch andere Lektüre von ihr gewonnen habe, eine zeitlose und sehr heutige Stimme. Astragalus ist ein Text, der keine Patina angesetzt hat und dem viele Leser zu wünschen sind.

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